27
Feb
2015

Das Handeln und Tun in der Pflege

„Elende Helfer”, rief der Fuchs, “die nicht helfen können, ohne zugleich zu schaden!”

Zu Äsops Fabel von Gotthold Ephraim Lessing, ein Essay, über das Handeln und Tun in der stationären Pflege.

Eine sehr erfahrene Pflegekraft, mit Jahren von Berufserfahrung, arbeitet sehr zuverlässig auf der Station. Die Bewohner, die von ihr versorgt werden, sind wirklich gut gepflegt und versorgt. Eine sehr gute Beobachtung der Hautzustände, das im Auge halten der Arztanweisungen, die Gabe der Medikamente, das Cremen und Waschen, das Kleiden und die Aufnahme der Nahrung, die Geduld mit den Schwachen und Kranken, erkennen von Schmerzen und viele weitere Dinge aus dem Pflegealltag werden bravurös gemeistert. Weiterhin arbeitet sie fleißig und pflichtbewusst, umsichtig und zügig, motiviert und immer einsatzbereit.

Old School könnte es heißen, es sollte ihr gedankt werden, dass sie da ist und sich um die Menschen so sichtlich und spürbar kümmert.

Jeder kennt wahrscheinlich solche Kollegen und schätzt diese auch Wert. Eine Pflege die erkennbar ist. Die Menschen, die versorgt werden, sind gut genährt, sauber gekleidet, haben ein gepflegtes Äußeres, einen intakten Hautzustand. Ziele, die in der Planung auch gesetzt werden. Das Verhalten dieser Pflegekräfte steckt wohl im Wort KRAFT. Hier wird mit Kraft gepflegt. Etwas auf dem unser so knapp berechnetes Gesundheits- und Pflegesystem aufbaut.

Viele Menschen fühlen sich dabei auch wohl wenn sie rundum gepflegt sind, keine Frage, auch Angehörige und Leitungen sehen gerne diese messbaren Erfolge.

Nun gibt es aber auch Menschen die diese Art von Zielerreichung ablehnen. Von Selbstbestimmung ist dann die Rede. Menschen die sich nicht täglich waschen und kleiden wollen nach dem Sauberkeitsdenken der Anderen, Menschen die sich nicht nackt zur Hautbeobachtung zeigen, Menschen die nicht nach der Grundsatzstellungnahme der Kassenverbände essen und trinken mögen, Menschen die ihre Tabletten nicht nehmen, sich nicht nach Blutzuckerwerten richten, sich weigern ihre Diäten einzuhalten oder Schuhe anzuziehen oder mit Unterhose auf Sockfuß durch das Haus laufen wollen. Menschen, die für die guten kräftigen Taten keine Dankbarkeit zeigen und keine Anerkennung geben. Eine absolute Horrorvorstellung für die so eben genannte PflegeKRAFT. Nicht das es als störend empfunden wird, sondern weil einige Kräfte ja besser wissen was gut für den anderen ist. Und hier besteht die Gefahr das Worte fallen wie Selbstgefährdung, Verwahrlosung  ja sogar Fremdgefährdung. Doch wo liegt das Problem? Die Ordnung und die Struktur sind gefährdet. Die nicht geleistete Arbeit wird sichtbar, es passiert das, was nicht sein darf. Es könnte auf mangelnde Pflege zurückzuführen sein, gesetzte Ziele werden nicht erreicht und die PflegeKRAFT fühlt sich dafür verantwortlich, weil sie verantwortlich dafür gemacht wird bzw. werden kann. PflegeleitungsKRÄFTE setzen PflegeKRÄFTE oft damit unter Druck damit sie sich nicht selbst erklären oder entschuldigen müssen. Die PflegeKRAFT steigt in das Boot ein und setzt die Segel in den Wind. Auch Angehörige gehen auf PflegeKRÄFTE zu, wenn diese Art „Missstände“ auffallen, wenn Menschen ohne Hose im Hause herumlaufen, keine Schuhe tragen, im Nachthemd die Toilette suchen oder nach dem Bus fragen. In der Hilflosigkeit der Besucher ist oft ein sofortiges Handeln zwingend erforderlich. Es fragt sich nur wer die Hilfe braucht?

Was ist zu tun wenn eine Person sich verweigert? Hier besteht die Gefahr der Nötigung des Bewohners oder Patienten. Wenn das eigene oder angenommene Anspruchsdenken über das Verhalten und Handeln anderer Menschen steht. Wenn erst Leistung zur Verfügung gestellt wird, wenn sich der Betreffende auf die Wünsche der PflegeKRAFT einstellt. Wenn mit Empörung reagiert wird, sollte der gute Rat oder das gute Leisten abgelehnt werden. Sollte dieses nicht anders sein? Ist es Gewalt wenn Tabletten „untergemischt“ werden, wenn Wünsche der Bewohner erst erfüllt werden, wenn diese sich fügen, wenn PflegeKRÄFTE als Erzieher arbeiten?

Der Gesetzgeber hat sich zur Willensäußerung klar orientiert, die Entscheidung eine Behandlung, Therapie oder pflegerische Maßnahme durchzuführen oder an sich durchführen zu lassen liegt in der Entscheidungsfreiheit des Menschen.

Solange sich diese noch äußern bzw. für sich selbst kämpfen können, muss es zur Akzeptanz oder zur Hinnahme kommen. Wenn aber nicht, was droht dann zu passieren? Ist dann die PflegeKRAFT wieder diejenige die entscheidet? Die das Segel in den Wind der messbaren und überprüfbaren Leistungen hält? Die, die Abwehrhaltungen nicht wahrnehmen will, damit wieder eine gute Leistung dokumentiert werden kann?

Natürlich scheiden sich weiterhin die Geister über die Willensfreiheit, jedoch immer zu wissen was für andere Menschen Wohl und Wehe ist, ist sehr unwahrscheinlich. Selbst für über Jahre vertraute Menschen entscheiden zu müssen ist eine sehr Verantwortungsvolle Aufgabe. Eine PflegeKRAFT hat dieses Recht pauschal nicht. Und kein Arzt, kein Betreuer und keine PflegeleitungsKRAFT, hat das Recht, dieses von jemand zu fordern.

So sollte die eigene Arbeit, das Handeln und Tun einer pflegenden Person durch eine Eigenkritik selbst bewertet werden. Habe ich heute gut gearbeitet? Wenn ja, wie und woran kann ich es bewerten und erkennen?

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