4
Mrz
2015

Ein profanes Referat zum Thema Leben, Sterben und Tod

Zur Sache

Der Tod- das Ende des Lebens, für viele ein neuer Anfang. Der Tod wird  in der Wikipedia folgendermaßen definiert:

 

Der Tod ist der endgültige Verlust der für ein Lebewesen typischen und wesentlichen Lebensfunktionen. Der Übergang vom Leben zum Tod wird Sterben genannt, medizinisch Exitus (lat. exitus „Ende“, „Tod“, eigentlich „Ausgang“).

 

In der Bundeswehrverwaltung gibt es eine weitere Definition, dort stellt der Tod aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunfähigkeit dar.

 

Letztendlich fällt es vielen Menschen oft schwer darüber zu reden, noch ein Tabu in unserer Zeit, darüber redet man nicht, erzähle mal was anderes. Ja wir versuchen den Tod regelrecht fernzuhalten. Wir tun alles für ein langes Leben, gesunde Ernährung, Fitness und Sport, das Vermeiden von Übergewicht, Verzicht auf Genussmittel und Kontrolle der Blutwerte.

Die Leistungsfähigkeit mit all ihren Kindern von Schönheit, Kraft und Tauglichkeit steht erstmal für viele Menschen im Vordergrund.  Dieses wird oft mit Verantwortung und teilweise auch mit Lebensfreude und Wohlbefinden begründet. Und wenn der Mensch krank oder alt wird, was passiert dann? Wer steht bei ihm, wer achtet ihn noch, was kann dieser Mensch noch leisten, welche Lebensfreude hat er noch, wie wohl fühlt er sich und was ist er noch Wert, was seine Kraft und was seine Schwäche und was sein Blut?

Arthur Schopenhauer äußerte sich vielleicht hierzu folgendermaßen:  „Der Lebenslauf des Menschen besteht darin, dass er, von der Hoffnung genarrt, dem Tod in die Arme tanzt.“

 

„Geb mir eine Pille oder eine Spritze, dann ist es endlich vorbei!“

Ich denke viele die mit sterbenden oder schwer kranken Menschen Kontakt haben oder hatten ist diese Bitte nicht unbedingt fremd. Oft höre ich Verzweiflung und Wut in der Bitte und nicht wirklich den Wunsch zu sterben.  Das Sterben als Qual zu empfinden. Als Verlust. Angst und Schmerz. Aber der Schmerz ist nicht immer physisch, oft ist er seelischer Natur.

Ich sehe aber auch Menschen mit Zuversicht die es leichter haben, keine Angst empfinden und sich nicht als Wertlos fühlen. Seneca, einem Philosophen der Antike wird zugeschrieben „Nicht den Tod fürchten wir, sondern die Vorstellung des Todes.“ Aber hier würde das Referat vom profanen Thema ins sakrale all zu sehr abdriften.

 

Sterbebegleitung, eine umhüllende Tätigkeit

 

In einer Befragung, wie möchte ich sterben, in einer Gruppe von angehenden palliativ Pflegefachkräften war der Wunsch nach der Symptomkontrolle von Schmerzen, Ängsten, Übelkeit und Atemnot vordergründig. Schmerzfrei und angstfrei, nahezu prägend. Jedoch eng gefolgt auch von den Wünschen; Würdevoll, in vertrauter Umgebung, oder bei meinen Angehörigen, meinen Freunden. Hierzu gibt es die Unterschiedlichsten Vorstellungen, manche äußern dieses spontan und schnell, andere nach kurzen oder längeren Nachdenken.

Der kurze plötzliche Tod, abends zu Bett gehen und morgens nicht mehr aufzuwachen, wird schon als Glückstod bezeichnet. Es war den Befragten durchaus bewusst, dass es jeden härter treffen kann.

Ich versuche dieses weiter auszuführen.

Beginnen wir mit dem ersten Wunsch in der Befragung der Pflegekräfte: Schmerzfreiheit und Angstfreiheit also einer Symptomkontrolle. Hier kann einen meist der Arzt weiterhelfen. Seitdem Friedrich Sertürner, ein Paderborner Apotheker, um Anfang 1800 als Apothekergehilfe das Morphin aus dem Opium des Schlafmohns isoliert hat, ist ein Meilenstein in der modernen Schmerztherapie geschaffen worden. Es bleibt und ist eines der wichtigsten Medikamente in der Sterbebegleitung zur Behandlung von Schmerzen und anderen Symptomen. Leider gibt es selbst unter den Akademikern immer noch Vorbehalte gegenüber dieses Medikamentes welches weiterhin als Droge, ja sagen wir es frei heraus, regelrecht verschrieen und verpönt wird.

Selbst angstlösende Medikamente werden teilweise wegen ihres drohenden Suchtpotentials sehr verhalten eingesetzt. Auch ist bei vielen Menschen die Meinung vorherrschend, das Schmerzen im Alter und bei Krankheit natürlich seien und diese ausgehalten werden müssen. Muss dieser Zwang zum Leid richtungsweisend sein?

Nein, glücklicherweise sind meine Erfahrungen zur Schmerz- und Angsttherapie sowie zur weiteren Symptomkontrolle weitaus beruhigender. Viele Ärzte stellen den Pflegenden ein großes Vertrauen gegenüber und stellen entsprechende Medikamente zur Verfügung. Und zwar auch so, daß eine rund um die Uhr Verfügbarkeit besteht.

Es sei allen hier versichert: Gefühle halten sich weder an Öffnungszeiten noch an Absprachen.

 

Der zweite meistgenannt Wunsch, der Würdevolle Umgang, die vertraute Umgebung oder die Anwesenheit von Freunden oder Verwandten kann eigentlich nur geschaffen werden wenn wir Menschen es lernen uns mit dem Sterben schon vorher auseinanderzusetzen. Hier sehe ich die meisten Defizite in der Sterbebegleitung, daß „Andere“ dieses (mit)machen sollen. Die Aussage wie „Ich kann das nicht“ ist Alltag und für die Angehörigen selbst eine enorme Belastung.  Diese haben oftmals ein schlechtes Gewissen wenn sie sich nicht ihren Ängsten stellen. Menschen fürchten sich vor Verlust und Schwäche.

 

Der Mensch funktioniert oft als ein Wunder der Verdrängung.

Dieses schafft Schwierigkeiten einen Einklang zu schaffen zwischen den Sterbenden und seinen Wünschen und den Angehörigen, Ärzten und der Pflege.

Die eigene Auseinandersetzung mit dem Tod

 

Der Tod steht uns als eines der größten Mysterien der Menschheit gegenüber. Da es hier die unterschiedlichsten Ansichten, Religionen, Gesetze, Werte und Normen gibt, sollte jeder Mensch für sich selbst entscheiden in wieweit und inwiefern er sich mit diesem Thema beschäftigt. Jedoch ist eine Verdrängung der Tatsachen nach meinen Erfahrungen nicht ratsam.

Bronni Ware, eine australische Krankenschwester und Buchautorin stellt in einem Ranking eine Top Five auf, von dem, was Sterbende bereuen:

Nicht die Dinge die sie getan haben, eher die Dinge die sie nicht getan haben werden hiernach zum Problem. Diese haben oft ihre eigenen Wünsche hinten angestellt und zu viel gearbeitet, zu wenig Zeit für Familie und Freunde genommen und – vor allem – sich nicht erlaubt haben, glücklich zu sein, sich selbst treu zu bleiben anstatt so zu leben wie andere es von einem erwarten.

„Das mache ich wenn ich Alt bin“ oder „wenn ich in Rente gehe, oder später mal…“  Ich hoffe es erfüllt sich jeder seinen Wunsch glücklich zu sein. Mir selbst sagte mal eine sehr erfahrene Palliativschwester, dass ich mir für mein Recht auf Zufriedenheit keine Entschuldigung bereitlegen müsste. Hierzu ist die Aussage Marcus Aurelius evtl. zutreffend: „Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man nie beginnen wird, zu leben.“

Auch der jetzige Dalai Lama äußerte sich hierzu „Wenn wir also gut zu sterben wünschen, müssen wir lernen, gut zu leben: Wenn wir auf einen friedvollen Tod hoffen, dann müssen wir in unserem Geist und in unserer Lebensführung den Frieden kultivieren.“

Wie leben wir und wie wollen wir leben?

Hierzu würde ich gerne eine Anekdote vortragen

Eines Tages war ein alter Philosophieprofessor beauftragt, einer Gruppe von Geschäftsführern ein Ausbildungskurs in effizienter Zeitplanung zu geben. Dieser Kurs machte eine von fünf Einheiten eines Seminartages aus, daher hatte der Professor nur eine Stunde zur Verfügung um seine Botschaft zu vermitteln.

Aufrecht vor dieser Elitetruppe, die bereit war, alles aufzuschreiben, was der alte Professor sagte, schaute der Dozent einem nach dem anderen langsam in die Augen, um schließlich langsam anzukündigen: „Wir werden miteinander ein kleines Experiment machen.“

Der alte Professor stellte vorsichtig einen großen Glaskrug auf den Tisch und füllte ihn mit etwa einem Dutzend golfballgroßer Steine, die er bedächtig in den Glaskrug setzte, bis der Krug randvoll und darin kein Platz mehr war. Da erhob der alte Professor den Kopf: „Ist der Krug voll?“ fragte er. Alle antworteten: „Ja!“ Er wartete und frage nach: „Tatsächlich?“

Darauf bückte er sich, holte ein Gefäß mit Kieselsteinen hervor und füllte bedächtig den Glaskrug – rührte um – füllte nach – bis die Kieselsteine alle Lücken füllten.

Der alte Professor hob erneut den Kopf und fragte: „Ist der Krug voll?“ Die Teilnehmer waren unruhig – einer antwortete „Wahrscheinlich nicht, da geht noch was“ – „Gut“, antwortete der Professor. Er neigte sich erneut nach unten und holte diesmal eine Tüte mit Sand. Bedächtig goss er den Sand in den Glaskrug. Der Sand schickte sich an, die Räume zwischen den großen Steinen und dem Kies zu füllen.

Noch einmal fragte der Professor: „Ist der Krug voll?“ – Ohne zu zögern, entgegneten alle Schüler „Nein!“ – „Gut.“ Gerade so als ob die hochgepriesenen Schüler eine Fortsetzung erwarteten, nahm der Professor eine Flasche Bier und goss das Bier in den Krug bis der Krug randvoll war. Nun erhob sich der Professor und frage die Gruppe: „Was will uns dieses Experiment sagen?“

Der mutigste unter den Zuhörern meinte, in Anbetracht des Kursthemas: „Es zeigt uns, dass wir sogar dann, wenn wir meinen, dass unser Kalender randvoll ist, noch weitere Termine vereinbaren und Dinge erledigen können, wenn wir es wirklich wollen.“

„Nein“, sagte der alte Professor – „Darum geht es nicht. Die große Wahrheit, die uns dieses Experiment zeigt, ist die folgende: Wenn wir nicht als Erstes die großen Steine in den Krug setzten, bringen wir die anderen Dinge nicht mehr hinein.“ Darauf erfolgte tiefes Schweigen, die Offensichtlichkeit seiner Worte leuchtete jedem ein.

„Was sind die großen Steine in Ihrem Leben?“, frage der Professor. „Gesundheit? – Familie? – Freunde? – Die Verwirklichung Ihrer Träume? – Tun, was Ihnen gefällt? Oder: Etwas ganz anders? Was sind die ganzen Güter wie Fernseher, Autos und Handys? Nehmen Sie daraus mit, dass es wichtig ist, zuerst die großen Steine im Leben zu platzieren, sonst laufen wir Gefahr, erfolglos zu sein. Wenn wir den Nebensächlichkeiten den Vorrang geben, also etwa Kies und Sand, dann füllen wir unser Leben damit auf, und am Ende fehlt uns die kostbare Zeit, um uns den wichtigen Aspekten unseres Lebens zu widmen.  Einer der Schüler fragte im Anschluss: „Herr Professor, was symbolisiert eigentlich die Flasche Bier“? „Gut das sie es ansprechen und nicht vergessen haben“ entgegnete ihm der Professor. „Egal wie voll das Glas auch sei, lassen sie sich im Leben immer Zeit für eine Flasche Bier.“

 

Sterbehilfe

 

Zum Schluss nochmal zurück zum Profanen. Da gibt es immer noch die vorherrschende Differenzierung in aktive und passive Sterbehilfe. Dazu hat sich allein in der Wortbeschreibung etwas geändert. Hilfe zur Selbsttötung; wenn ich jemanden die „Pille“ bereitlege, gibt es nur die Ordnungswidrigkeit zum Verstoß gegen das Betäubungsmittel oder Arzneimittelgesetz. Einnehmen müsste die Person dieses schon selbst. Tötung auf Verlangen ist dieses somit nicht. Generell ist dieses in Deutschland nicht strafbar.

Auch eine Schmerztherapie mit Morphium kann zum Tod führen bzw. das Leben verkürzen. Dieses ist nicht zu beabsichtigen und darf keine Zielsetzung sein. Man würde von Tötung sprechen, vielleicht sogar Mord. Aber alle Maßnahmen zur Schmerzlinderung ist eine palliative Zielsetzung sofern der Betroffene dieses als Zielsetzung wünscht. So sagte William Shakespeare: „Es ist Albernheit, zu leben, wenn das Leben eine Qual wird, und wir haben die Vorschrift zu sterben, wenn Tod unser Arzt ist.“

Der Abbruch von Lebenserhaltenden oder verlängernden Maßnahmen wird nicht mehr als eine Tötung bewertet, sondern als ein Behandlungsabbruch der auch oft in den Medien diskutiert wurde und auch noch wird. Die deutsche Gesellschaft der Palliativmedizin äußert sich hierzu: Es heißt somit keineswegs, den Patienten “aufzugeben”. Es bedeutet das zu tun, was der Patient von Ärzten erwarten darf, nämlich unnötige oder schädigende, also sinnlose Therapiemaßnahmen überhaupt nicht erst zu ergreifen oder diese einzustellen, wenn sie sich als sinnlos erweisen. Stattdessen wird nun bei anhaltender menschlicher Zuwendung das Augenmerk auf eine “ausgezeichnete Symptomkontrolle” beschränkt.

Cicely Saunders, eine der bedeutendsten Menschen in der Hospizbewegung,  lehnte als Christin eine Lebensverkürzung strikt ab. Sterben war für sie die Chance, Freunden und Familie noch einmal Danke zu sagen.

 

Ethische und moralische Werte und Normen spielen hier eine entscheidende Rolle. Alles ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Es gibt Patientenverfügungen wo der Wunsch geäußert wird, wenn sich die Person in einer Sterbephase befindet, eine Behandlung mit Antibiotika abzusagen. Ist es eine unterlassende Hilfeleistung, wenn die Lungenentzündung, im Volksmund auch „die Gnädige“ ein gelebtes Leben beenden darf? Haben wir uns nicht an den Wünschen des Sterbenden zu orientieren? Müssen diese, wenn der Betroffene Mensch nicht mehr in der Lage ist sich selbst zu äußern, noch in Frage gestellt werden? Haben wir nicht die Pflicht im Interesse eines Menschen zu handeln und unsere eigenen Moralvorstellungen nicht auf andere Personen zu projektieren?

Ab wann entscheiden Andere über einen und wann kommen finanzielle Argumente ins Spiel?

 

Eine zusammenhaltende Familie, kann vor Gericht durchsetzen, dass eine künstliche Ernährung abgestellt wird weil der Betroffene es immer im Gespräch geäußert hat. Sie kann eine Schmerztherapie durchsetzen auch wenn sich jemand von Außen dagegen verwehrt da dadurch das Leben scheinbar verkürzt wird. Dazu braucht es keine Verfügung, dazu benötigt man ein Prise Courage, etwas Mut, die Fähigkeit über den Tod zu sprechen weniger Angst, Wut und Hass und …… vielleicht auch mal eine Flasche Bier.

Kommentieren