24
Dez
2015

Freizeitgestaltung Senioren

Wie viel Freizeit braucht der Senior? Eventuell nicht nur ein Einzelfall aus dem Berufsalltag.

Wenn sie in die Internetsuchmaschine den Begriff „Senioren“ eingeben, werden sie mit Bildern über lachende, tanzende, Daumen hoch haltende, Spaß habende und freudige Senioren in den Armen ihrer Partner oder scheinbaren Kindern belohnt. Werbeplakate der Apotheken und Pharmaproduzenten und Leitbilder der Pflegeheime versuchen ihnen den Eindruck zu vermitteln das das Altern eine neue Spaßgesellschaft sein soll. Sie bekommen darüber eine Meinung verpasst, die eventuell nicht der Realität entspricht.

Ich selbst bekam neulich die Anfrage von einer Tochter schätzungsweise mittleren Alters für einen Heimplatz ihres Vaters. Ihr Vater sei 90 Jahre, blind, beginnend dement, massiv sturzgefährdet und hatte eine nicht kompensierte Inkontinenz. Für Laien bedeutet dieses, dass er keine Inkontinenzmaterialien annimmt, keine Hilfe anfordert, keine regelmäßigen Toilettengänge annimmt und das ganze Zimmer für ihn eine einzige Toilette ist.

Dieser Herr war in einem Pflegeheim untergebracht, mit dem sie generell auch zufrieden sei, jedoch war sie auf der Suche nach einer perfekten Lösung. Ihrerseits bestätigte sie mir mehrfach ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Vater zu haben, jedoch entschuldigte sie sich regelrecht auch dafür, die Pflege aufgrund der oben beschriebenen Probleme des Alterns nicht selbst gewährleisten zu können. Aufgrund dieser Tatsache war sie auf der Suche nach einer perfekten Lösung, in einem perfekten Heim zu super günstigen Preisen. Maßgeblich entscheidend für die zukünftige Heimunterbringung war nicht vordergründig die Pflege, sondern die Freizeitgestaltung. Dieses individuelle Beschäftigungsprogramm suchte sie vergebens in unserem Hausprospekt. Bei dem Wort „Freizeitgestaltung“ musste ich jedoch nachfragen was es da für Erwartungen gibt, die wir nun erfüllen sollen. Scheinbar hatte sie nicht mit der Einbeziehung gerechnet und fing leicht an zu stammeln. Sie würde natürlich weiterhin mit ihrem Vater zur Andacht fahren, aber mehr Vorschläge konnte sie aus dem Stegreif nicht machen. Allerdings bemängelte sie, dass Senioren mit nicht individueller Freizeitgestaltung regelrecht geplagt werden. Generell werden Bewohner von Pflegeheimen zu früh ins Bett gebracht, Bingo und Gedächtnistraining erscheint ihr auch nicht für ihren Vater sinnvoll, Film und Fernsehen kann er aufgrund seiner Sehbinderung nicht mehr aushalten. Basteltätigkeiten, obwohl früher immer handwerklich geschickt, seien auch nicht entsprechend. Ihr Vater spricht sie ganz oft abends an das er noch was machen möchte, indem seine Tochter ihn mitnehmen sollte. Auf meine Nachfrage, was sie dann täte, reagierte sie jedoch leicht verstört. Sie gab natürlich zur Aussage nichts dergleichen zu tun, und erwartete von mir eine Antwort was sie denn auch hätte machen sollen.

Wird hier von anderen mehr erwartet als man selbst in der Lage ist zu leisten?

Was bedeutet eigentlich Freizeitgestaltung? In der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte Artikel 24 heißt es: „Jeder hat das Recht auf Erholung und Freizeit und insbesondere auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen bezahlten Urlaub.“

So, was ist nun für den Senioren in unserer Leistungsgesellschaft Freizeit, und was bedeutet für ihn Arbeitszeit. Und in welchem Verhältnis stehen diese beiden Begriffe zu dem oben beschriebenen Beispiel des 90 jährigen Herrn.

Nun, vielen Menschen fällt es scheinbar schwer zu erkennen, das unser Leben und das Leben der geliebten Mitmenschen endlich ist. Die suggestive Vorstellung vom Alter passt leider nicht zur Realität. Das Leben dann zu leben wenn man die Möglichkeit dazu hat, Gespräche dann zu führen wenn sie einem einfallen und nicht verschieben ist wohl der bessere Weg, als dieses im Alter noch nachholen zu müssen. Irgendwann wird die Zeit knapp und man wechselt von der Tag- zur Nachtseite des Lebens. Die Fähigkeit dieses zu erkennen kann zur Lebenskunst werden.

Der Freizeitmonitor von der Stiftung für Zukunftsfragen hat für das Jahr 2015 folgende Statistik erhoben. Nachdem 1984 das Privatfernsehen eingeführt wurde, steigerte sich der bundesdeutsche Fernsehkonsum enorm und lag bereits 1990 bei 90 Prozent. 2015 ist Fernsehen mit 97 Prozent unangefochten die liebste Freizeitbeschäftigung der Bundesbürger. Radio hören und Telefonieren (von zu Hause) folgen auf Platz zwei mit 90 Prozent bzw. Platz drei mit 89 Prozent. Auf dem vierten Platz findet sich mit 73 Prozent die Internetnutzung – diese lag 2015 im Ranking erstmals vor Zeitung lesen.

Schön, dass eines Tages diese Art von Zeitverschwendung erkannt wird. Jedoch nicht schön das von anderen erwartet wird dieses im Alter zu ändern. In der Wikipedia fand ich folgende Aussage sehr trefflich „Ein angenommenes Problem der Freizeitgesellschaft ist ein Mangel an Motivationen höherstufige Wünsche zu verfolgen, was eine Ursache für Dekadenz sein könnte.“

 

Frohe Weihnachten

Lisa v. Linne

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