27
Feb
2015

Toleranz in der Pflege

„Die Religionen Müßen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das Auge darauf haben das keine der anderen abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Faßon Selich werden.“

Diese Aussage von Friedrich dem Großen wird oft zitiert jedoch seltener gelebt.

Leicht ist es gesagt, das andere Religionen oder Glaubensordnungen einem egal seien, dass man sich nicht davon beeinflussen ließe nach welcher Religion ein Mensch lebt oder glaubt, man hätte damit kein Problem solange man selbst damit in Frieden gelassen würde. Doch werden nach solchen allgemeinen Aussagen, andere Menschen wirklich auch in Ruhe damit gelassen?

Das Desinteresse an dem Anderen ist gleichzusetzen mit der Wertschätzung eines Menschen. Wer sich gegen die Religion des einen verwehrt, kann sich dem Anderen auch nicht wertfrei gegenüber verhalten.

Zur Erläuterung dieser These: Wenige Menschen kennen die Beweggründe von Friedrich den Großen zu dieser Äußerung, viele kennen nur die Aussage: „jeder soll nach seiner Fasson selig werden“. Belesen dazu müsste sich aber ein jeder selbst. Achtung und Verachtung ist nämlich ein sehr weitläufiger Begriff. Es fällt leichter etwas zu achten was einem vertrauter ist als das Unbekannte.

Wenn jemand nach religiösen Ritualen verlangt die uns bekannt sind wie etwa ein Abendmahl oder ein Gebet wie das Vater unser, ein Weihnachtslied, die Geste der gefalteten Hände, der Anblick Jesus mit oder ohne Kreuz oder nur das Kreuz, dann ist es leicht sich tolerant zu verhalten. Ein Menora (jüdischer Kerzenleuchter) oder Davidstern würde aufgrund der Bekanntheit noch in die Toleranz gehen sowie eventuell noch eine Buddha Statue oder der Stern und Halbmond des Islam. Jedoch viel mehr wäre nicht wirklich zu erwarten da viel mehr nicht von der breiten Masse der Gesellschaft bekannt ist. Somit sind besonders die Rituale unbekannt, und daher fremd. Da wird übereilt schnell über Schamanismus, Frömmigkeit, Hokuspokus und Heidentum vorverurteilt. Nun liegt es an einem jedem selbst sich mit anderen Religionen und Bräuchen auseinanderzusetzen oder nicht. Jedoch das verwehren oder verschließen zu anderen Denkens- und Glaubensweisen, würde auch eine Intoleranz gleichdeuten, da das Wort Toleranz von lat. tolerare („erdulden“, „ertragen“) hergeleitet wird. Denn das Unbekannte wird von sehr vielen Menschen gefürchtet. So begeben sich abgesehen von wenigen Abenteuerlustigen selten gewöhnliche Menschen außerhalb von Hotelanlagen, in fremde Gaststätten, in fremde Städte ohne Reiseleitung und geschweige von Besuchen oder pflegen von Kontakten zu Menschen, anderer ethnischen Herkunft, Religion oder Lebensweise. So geht der intolerante Mensch eher in die Systemgastronomie wo bekannt ist was man dort bekommt, so meidet er fremde Städte, da er nicht weis wo er sein Auto parken soll und Gefahr läuft sich zu verlaufen, so verlässt er ungern die Hotelanlage da er doch wohl behütet und umsorgt eingelagert wurde und Angst vor Verbrechen hat, so hätte dieser Mensch am ehesten einen abbrechenden Kontakt zu einem homosexuellen Menschen, aus Scham davor, das er selbst als Homosexueller bezeichnet wird, wenn er sich mit solchen Menschen umgibt. So erkennt man die Gutmenschtoleranten, die nur zum Schein von Toleranz reden, jedoch wenn es ernst wird, wenn Toleranz nahe kommt, wenn man selbst auf etwas verzichten muss, dann dreht und wendet sich schnell das Blatt.

Was hat dieses nun mit der Pflegephilosophie zu tun? 

Wichtig ist zu unterscheiden was gelebte Toleranz oder gepredigte Toleranz ist. Es gibt so Aussagen wie „jeder kann ja machen was er will, aber das geht zu weit“ oder „ich kann das nicht mehr aushalten.“ Es gibt viele Situationen wo auch Toleranz nicht immer erwartet werden darf, immer dann wenn ein anderer Mensch davon Schaden nehmen kann oder in seiner Würde beeinflusst wird.

Immer dann wenn die gleichberechtigten Interessen und Rechte anderer in Mitleidenschaft gezogen werden. Viele Rituale werden aber schnell darüber definiert. Der fremde Klang einer indischen Zither kann durchaus als störend empfunden werden genauso wie der Ruf des Muezzins. Wiederum wird das christlich sonntägliche Glockengeläut als normal empfunden. Das Erscheinungsbild eines hinterasiatischen Gurus wirkt wesentlich befremdlicher als das Abbild eines Heiligen aus der uns bekannten Bibel. Nirwana wird als ein ewiger Jagdgrund interpretiert oder eine drogenabhängige Rockband. Worte wie Karma, Dharma und Glückseligkeit werden anders verstanden als Danke, Bitte und Amen. Nun konfrontieren nicht nur fremde Gebräuche und Religionen die Gesellschaft in einem immer Multi- kulturelleren Europa, sondern auch die Mitarbeiter in der Pflege. Besonders in der Sterbebegleitung machen Menschen davon Gebrauch. Manche Menschen halten sich nicht mehr an unsere Rituale, leben nach anderen Werten, und wünschen sich auch, dass dieses respektiert und toleriert wird. Die Toleranz wird heutzutage auch erwartet da diese von vielen Pflegeeinrichtungen auch beworben wird. Es ist von Ganzheitlichkeit die Rede, von Selbstbestimmung, Achtung und Würde. Jedoch sollte jeder, der damit seine Werbung betreibt, sich ernsthaft dieser Worte bewusst sein. Jeder sollte darüber nachdenken das dieses nicht durch eine schnöde gedruckte Vorgabe auf Hochglanzpapier gefordert werden kann, sondern gelebt werden muss. Toleranz muss geübt und besprochen werden. Es muss zur Aussprache kommen dürfen, was einen stört. Es muss verstanden werden warum ein Mensch handelt und vielleicht auch nur so handeln kann. Die Unklarheiten in den Ritualen müssen verstanden werden damit sich wert- und angstfrei diesem gegenüber gestellt werden kann. Es muss Licht in eine dunkle Höhle gebracht werden damit wir Menschen unsere natürliche Scheu überwinden können diese zu betreten. Und wenn dieses von anderen erwartet wird, so muss es von einem selbst auch gegeben werden. Nur wenn das Fremde bekannt werden darf verliert sich die Furcht. Angst ist und war schon immer ein schlechter Berater gewesen. So sind es die Fortbildungen, das Befassen mit fremden Gebräuchen, Rituale und Religionen um nicht nur unseren Mitmenschen zu ertragen oder um unsere Mitmenschen zu erdulden, sondern sie zu tolerieren und zu respektieren. Durch das Ignorieren der Bedürfnisse anderer Menschen oder durch das Verhindern der Auslebung der Bräuche und Rituale werden unbewusst die eigenen Maximen zerstört, die Maxime, dass ein jeder nach seiner Fasson selig werden darf.

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